Web-Archiv zu Alfred Lansburgh und seine Zeitschrift „Die Bank“

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Biografie

Jeder, der sich mit Geld und Banken im Deutschen Reich in der Zeit zwischen 1900 und 1933 beschäftigt hat, kennt bis heute den Namen Alfred Lansburgh oder manche seiner Texte. Die FAZ nannte ihn „in Sachen des Geldes vielleicht einen der klügsten Menschen, die in Deutschland je gelebt und gearbeitet haben.“[1] Aber kaum etwas ist über ihn als Person, sowie seine theoretischen und politischen Aktivitäten bekannt. Es gibt, trotz seiner großen zeitgenössischen und bis in die Gegenwart reichenden Bedeutung, keine wissenschaftliche Untersuchung über ihn.[2]

James Alfred Neander Lansburgh (er ließ sich in Deutschland „Landsburg“ nennen), war jüdischer Herkunft und in London am 27. März 1872 geboren. Mit fünf Jahren kam er als Vollwaise zu Verwandten nach Berlin, die sein Millionenerbe verloren, aber ihm eine gute Ausbildung zukommen ließen. Zu Beginn als Bankbeamter tätig, nutzte er die Aussteuer seiner Frau 1908 zur Gründung der Zeitschrift „Die Bank“, dessen Herausgeber er bis 1934 blieb und die er maßgeblich, als extrem fleißiger Schreiber, mit eigenen Beiträgen bestückte. Trotz des phasenweisen großen Erfolges der Zeitschrift blieb seine materielle Basis unsicher und er hatte zeitlebens Geldsorgen. 1934 wurde der Bank-Verlag „arisiert“ und die Zeitschrift unter der Leitung von Ludwig Mellinger, dem späteren Vorstandsmitglied und langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Bayerischen Vereinsbank[3], bis 1942 weitergeführt.[4] Ein Jahr später erhielt Lansburgh ein Schreibverbot. An eine Emigration war aufgrund seines Alters und der finanziellen Mittel nicht mehr zu denken. 1937 beging er Selbstmord.[5]

Zwischen 1908 und 1934 kommentierte und beeinflusste Lansburgh alle großen und kleinen Diskussionen in der Entwicklung des Geld- und Bankwesens der Zeit: Beginnend mit der Bankenenquete 1908, über die Rolle der Großbanken, ihrer Konzentration und ihrer Lobby bis 1914, der Kriegsfinanzierung, der Inflation 1914-1923 bis hin zu Möglichkeiten zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise ab 1928 und der Bankenkrise von 1931. Neben den wachsenden Auflagen seiner Zeitschrift und anderer Schriften aus seinem Bank-Verlag wuchs auch auf anderen Ebenen die Anerkennung. So war er zum Beispiel enger Gesprächspartner des Reichskanzlers und Reichsbankpräsidenten Hans Luther und einer der Teilnehmer auf der Geheimkonferenz der Friedrich List-Gesellschaft im September 1931 über Möglichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung, dem Lautenbach-Plan.[6]Dabei vertrat er grundsätzlich konservativ-liberale Einstellungen, für die er von Lenin als „verstockter Reaktionär“ bezeichnet wurde.[7]

Sein Leben lang blieb Lansburgh ein Einzelgänger, Außenseiter und Querdenker. Sein Sohn schilderte die Begebenheit, dass Georg Solmssen von der Deutschen Bank durch Geld seine Berichterstattung in der Danat-Krise 1931 beeinflussen wollte, was Lansburgh abgelehnt habe.[8]

Neben seiner Passion als Finanzschriftsteller war er auch als Amateurschauspieler und erfolgloser Theaterstückeschreiber tätig, deren Texte er ebenfalls im eigenen Bank-Verlag verlegte.[9] Daher stammt auch seine Freundschaft zu Kurt Tucholsky und Siegfried Jacobsohn, die ihn ihrerseits als Finanzautorität anerkannten und von ihm während der Hyperinflation 1923 auch einen Aufsatz in der „Weltbühne“ veröffentlichten.[10]

Der erfolgreiche Finanzschriftsteller lässt sich am deutlichsten anhand seines bis heute populären und in vielen Rezensionen hochgelobten Buchs „Vom Gelde: Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn“[11] (Erstauflage 1921-1923 in 6 Bänden, danach wurde wiederholt der erste Band neu aufgelegt, später von Ludwig Mellinger fortgeführt) darstellen. Geschrieben unter dem Pseudonym „Argentarius“ als Warnung vor der Inflation im zerrütteten Geldwesen nach dem Krieg, wurde es zur populärsten Darstellung der durch Autoren wie Georg Friedrich Knapp, Friedrich Bendixen oder Joseph Schumpeter in verschiedenen Varianten entwickelten Anweisungstheorie des Geldes.[12] Die einfache und im wahrsten Sinne des Wortes paternalistische Schreibweise verschaffte dem Werk große Verbreitung und immer neue Auflagen.[13] Karl Diehl, einer der zentralen orthodoxen Geldtheoretiker der Zeit, verfasste 1927 sogar Antwortbriefe aus einer metallistischen, aber dennoch sehr wertschätzenden Haltung. Die Wiederauflagen reichen bis in die Zeit nach der Finanzkrise von 2008/2009, so 2014 im Kopp Verlag, der die Schrift als Mahnung eines „Insiders“ und Crash-Propheten in damals wie heute unruhigen Zeiten verkauft.[14]Diese Art der Rezeption eines jüdischen Schriftstellers in bestimmten Gruppen und Buchgenres lässt eine unvollständige Durchdringung der Argumente Lansburghs vermuten.

Seine Schriften wurden ausgesprochen vielfältig rezipiert. Lenin bezog sich in seinen Aufsätzen immer wieder auf Lansburgh, z.B. in „Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus“[15] oder die Studie zur deutschsprachigen Geldtheorie von Howard Ellis aus dem Jahr 1937. Aber auch bis in die Gegenwart werden seine Schriften immer noch intensiv verwendet, z.B. in der von Lothar Gall herausgegebenen Festschrift der Deutschen Bank zum 125-jährigen Bestehen, den großen Studien zur Hyperinflation von Gerald D. Feldman und Carl-Ludwig Holtfrerich, und so weiter. Dabei wird oft Lansburghs Monographie „Das deutsche Bankwesen“[16] von 1909 zitiert, die zuvor in Aufsätzen in seiner Zeitschrift eine grundsätzliche Beschreibung des deutschen Bankwesens darstellt und damit in gewisser Weise eine Gegenschrift zu Jakob Riessers „Die deutschen Grossbanken und ihre Konzentration“ ist.[17]

Literaturverzeichnis:

  • Borchardt, Knut / Schötz, Hans Otto (Hrsg.) (1991): Wirtschaftspolitik in der Krise. Die (Geheim-)Konferenz der Friedrich List-Gesellschaft im September 1931 über Möglichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung, Nomos: Baden-Baden
  • Ellis, Howard (1937): German Monetary Theory, 1905-1933, Harvard, Harvard University Press
  • Feldman, Gerald D. (1993): The Great Disorder, Oxford: Oxford University Press
  • Gall, Lothar et al. (1995): Die Deutsche Bank 1870–1995, München: C.H. Beck
  • Hofmann, Walter (1960): Nach dem Ritt über den Bodensee, In: Amicus Optima Vitae Possessio, Freundesworte für Ludwig Mellinger zum 25. Oktober 1960, Frankfurt: Fritz Knapp Verlag, 1960, S. 25-28
  • Holtfrerich, Carl-Ludwig (1986): Deutsche Inflation 1914-1923, Berlin: Walter de Gruyter
  • Lansburgh, Alfred (1909): Das deutsche Bankwesen, mit einer vergleichenden Statistik der Bilanzen aller deutschen Aktienbanken in den Jahren 1857-1872-1907/8, Bank Verlag, 1909
  • Lansburgh, Alfred (1915): Die Kriegskostendeckung und ihre Quellen, Berlin: Bank Verlag, 1915
  • Lansburgh, Alfred (1917): Das gute und das schlechte Geld, In: Die Bank, 1. Semester 1917, S. 541-556, 635-654, 715-726, 809-822
  • Lansburgh, Alfred (1921): Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn, Bank Verlag, Erstauflage von 1921-1923, Band 1: Vom Gelde (1921), Band 2: Valuta (1921), Band 3: Alte Briefe (1922), Band 4: Die Börse (1922), Band 5: Die Notenbank (1922), Band 6: Währungsnot (1923)
  • Lansburgh, Alfred (1923): Der gerechte Preis, In: Weltbühne, Band 19/I, Nr.16, 19.04.1923, S.440-445
  • Lansburgh, Werner (1960): Dank für ein Stückchen Heimat, In: Amicus Optima Vitae Possessio, Freundesworte für Ludwig Mellinger zum 25. Oktober 1960, Frankfurt: Fritz Knapp Verlag, 1960, S. 36-37
  • Lansburgh, Werner (1984): Strandgut Europa, Erzählungen aus dem Exil 1933 bis heute, Frankfurt: Fischer, 1988
  • Lansburgh, Werner (1990): Feuer kann nicht verbrennen: Erinnerungen eines Berliner, Frankfurt: Ullstein, 1990
  • Nagel, Hans (1936): Geld-, Kredit- und Währungsprobleme bei A. Lansburgh, Dissertation, Universität zu Köln, 1936
  • Schumpeter, Joseph (1910): Rezension von A. Lansburgh “Depositen und Spargelder”, In: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Band 31, 1910, S. 297

[1] FAZ, 31.03.1950, Das größte Unglück

[2] Einzige Ausnahme ist eine zeitgenössische, 1932 verfasste knappe Dissertationsschrift, die erst 1936 veröffentlicht werden und nicht systematisch vorgehen konnte, sondern sich auf wenige Aspekte seiner Texte beschränken musste (Nagel (1936) S. VII).

[3] Nach Walter Hofmann, Mitbegründer der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“ und Direktor der Frankfurter Bank, sei Mellinger dabei den „menschlichen Verpflichtungen gegenüber Alfred Lansburgh und den berufsständischen Interessen an der Erhaltung der Zeitschrift gleichermaßen gerecht“ (Hofmann (1960) S. 26) geworden.

[4] Als der Bundesverband deutscher Banken den Namen für ihre eigene Zeitschrift 1977 wieder aufgriff, wurden Lansburgh oder seine Zeitschrift nicht erwähnt (im Unterschied zum Bank-Archiv, mit dem die Bank 1943 aus Gründen der Papierbewirtschaftung zwangsfusioniert wurde).

[5] Vgl. Lansburgh (1988) S. 10f, 74, 108ff; Lansburgh (1990) S. 10-16, 127

[6] Vgl. Borchardt / Schötz (1991)

[7] Vgl. Lansburgh (1990) S. 15

[8] Vgl. Lansburgh (1990) S. 10, 15

[9] unter dem Pseudonym Neander, einem seiner Vornamen: Imag: satyrisches Zeitbild (1922), Die Talsperre, Aladin und die Wunderlampe, Sokratische Gespräche (alle drei 1923 erschienen)

[10] Vgl. Lansburgh (1990) S. 10, 15, 24; Lansburgh (1923). Von einer Beeinflussung des berühmten Zitates von Kurt Tucholsky („Die Grundlage aller Nationalökonomie ist das sog. ›Geld‹. Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da.“, Kurzer Abriß der Nationalökonomie, 1931) ist auszugehen.

[11] Vgl. Lansburgh (1921); die Briefe sind an einen Sohn namens James, einem seiner Vornamen, adressiert, obwohl Lansburghs Sohn Werner hieß. Eventuell steht hier auch der Bankier Carl Fürstenberg Pate, dessen Sohn Hans 1919 ebenfalls Bankier wurde.

[12] Beispielhaft Lansburgh (1917)

[13] Vgl. Lansburgh (1990) S. 24

[14] https://www.kopp-verlag.de/a/vom-gelde

[15] Er hebt Lansburgh darin über den Marxisten Karl Kautsky („Interessant ist, daß sogar der bürgerliche Ökonom A. Lansburgh, der den Imperialismus genauso spießbürgerlich kritisiert wie Kautsky, immerhin mit mehr Wissenschaftlichkeit an die Bearbeitung der Handelsstatistik heranging.“) und unterstellt ihm eine „ergötzliche Spießermoral“.

[16] Lansburgh (1909)

[17] Jakob Riesser war Präsident des „Centralverbandes des deutschen Bank- und Bankiergewerbes“, also „Chef-Lobbyist“ der Branche. 1905 veröffentlichte er „Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Großbanken mit besonderer Rücksicht auf die Konzentrationsbestrebungen“, die 1912 in 4. Auflage leicht umbenannt „Die deutschen Grossbanken und ihre Konzentration im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesamtwirtschaft in Deutschland“ erschien und deutlich erweitert wurde. In dieser Form ist auch dieses Werk bis heute intensiv zitiert und als Quelle für alle weiteren Untersuchungen in diesem Feld verwendet worden.

27.12.1936 De Telegraaf